Rundgang durch Geschichte und Legenden – Tower of London

„Next station: Tower Hill“. Wer in London mit der U-Bahn unterwegs ist, kennt die nüchterne Stimme, die monoton die nächste Station ansagt. Bei „next station is Tower Hill“ klingt sie plötzlich anders. Heiter. Fast enthusiastisch. Und jedes Mal fragte ich mich, ob das Absicht ist, oder unfreiwilliger Galgenhumor.
Über Jahrhunderte gingen die Menschen nicht gut gelaunt und meist nicht freiwillig hierher. Tower Hill war der Ort öffentlicher Hinrichtungen. Heute steigen wir hier aus und stehen wenige Schritte weiter vor unserem Ziel, dem Tower of London.

Tower of London

Die mächtigen Türme und Mauern wirken auch heute noch beeindruckend. Wie mag dieser Anblick vor Jahrhunderten gewirkt haben? Wo heute sattes Grün im Festungsgraben wächst, stand damals Themsewasser. In den Fluss entsorgte London einen großen Teil seines Abfalls. Der Wassergraben war nicht nur tief, sondern wohl auch auf andere Art ein Hindernis.

Vom anderen Ufer der Themse aus wirkt die Festung weniger wuchtig. Klare Linien, fast elegant. Hinter den Mauern erhebt sich der White Tower – seit fast tausend Jahren das Herz der Anlage.

Tower of London mit dem White Tower, gesehen vom Südufer der Themse in London.
Blick auf den Tower of London vom Themseufer

Das West Gate ist der Haupteingang in den Tower. Mit dem Schritt durchs Tor verändert sich die Wahrnehmung. Zwischen den hohen Mauern ist von der umgebenden Metropole plötzlich nichts mehr zu spüren, London bleibt zurück.

Durch die schmale Gasse gehen wir parallel zur Themse. Ein Stück weiter sehen wir unten am Wasser ein Tor, das einen unheimlich klingenden Namen trägt: Traitors Gate (Verrätertor). Für viele war es der letzte Weg.
Durch das Tor wurden Strafgefangene von der Themse in den Tower gebracht. Die Anklage lautete meist auf Hochverrat. Ein dehnbarer Begriff, wenn es darum ging, unliebsame Gegner loszuwerden.

Tower of London

Eine der prominentesten Persönlichkeiten, die durch diese Tor mussten war Prinzessin Elizabeth, die spätere Königin Elizabeth I. – von ihrer Halbschwester des Verrats beschuldigt. Der Legende nach soll sich Elizabeth am Tor unter Tränen geweigert haben das Boot zu verlassen, weil sie keine Verräterin sei.

Sie entkam der Anklage, kehrte aber einige Jahre später zurück in den Tower: Als künftige Königin verbrachte sie dort die Nacht vor ihrer Krönung.

Nach dem Traitors Gate erreichen wir den Innenhof, das Zentrum der Anlage. Viel Raum für Besucher. In den Gebäuden ringsum wurde gewohnt, regiert und über das Schicksal anderer entschieden. Die meisten Besucher zieht es direkt in die Waterloo Barracks – zu den Kronjuwelen.

Waterloo Barracks im Innenhof des Tower of London mit neugotischer Fassade und Besuchern vor dem Eingang.
Die Waterloo Barracks – Aufbewahrungsort der Kronjuwelen

Die Kronjuwelen zu fotografieren ist verboten. Wer sie sehen will stellt sich an. Gedämpftes Licht. Ein Laufband fährt die Besucher an den Insignien der Macht vorbei. Krone, Schwert und Reichsapfel, in goldenem Licht hinter Sicherheitsglas. Nur ein kurzer Blick. Verweilen ist nicht vorgesehen.

Waterloo Barracks im Tower of London mit Besuchern im Innenhof, Aufbewahrungsort der britischen Kronjuwelen.
Die Waterloo Barracks aus einer anderen Perspektive

In den einzelnen Gebäuden des Towers gibt es außer den Kronjuwelen noch weit mehr zu entdecken. Historische Wohn- und Wirtschaftsräume, Waffen und Rüstungen vermitteln einen Eindruck vom Leben in der Festung. Auch die Kapelle St Peter ad Vincula gehört zur Anlage. Dort wurde unter anderem Anne Boleyn beigesetzt, die zweite Ehefrau Heinrichs VIII. und Mutter von Königin Elizabeth I. Einer Legende nach soll Anne Boleyns Geist bis heute gelegentlich durch den Tower wandern. Die Briten pflegen ihre Gespenster bekanntlich ebenso leidenschaftlich wie ihre Geschichte.

White Tower im Tower of London mit romanischen Fenstern und Ecktürmen unter blauem Himmel.
Der White Tower im Tower of London – der älteste Bau in der Festung

Der Tower war aber nicht nur Residenz und Schatzkammer, sondern auch ein Gefängnis. Ein Kerker kann besichtigt werden, samt Folterinstrumenten mit ausführlichen Beschreibungen ihrer Funktionsweise.

Wir bleiben bei dem schönen Wetter aber lieber draußen und setzen unseren Rundgang auf der Festungsmauer fort, dem Wall Walk.

Bärenfigur am Bloody Tower im Tower of London, im Hintergrund mittelalterliche Mauern und der Shard
Die Bärenfigur erinnert daran, dass im Tower Zeit lang auch der Londoner Zoo untergebracht war

Der Rundweg auf der Festungsmauer bietet interessante Ein- und Ausblicke. Auf der einen Seite die historischen Mauern, Türme und Innenhöfe, Auf der Anderen immer wieder der Blick auf die moderne Skyline Londons.

Bloody Tower im Tower of London, aufgenommen vom Wall Walk entlang der historischen Festungsmauer.
Schmaler Gang zwischen den massiven Steinmauern im Inneren des Tower of London

Der Weg führt durch einige kleine Türme. Wer gern Treppen steigt, kommt dabei übrigens voll auf seine Kosten.

Blick zwischen den historischen Gebäuden im Innenhof des Tower of London mit White Tower im Hintergrund.

Die zwei Türme. Links die schon erwähnte Kapelle St Peter ad Vincula, rechts der gläserne Turm The Shard. Vergangenheit und Gegenwart liegen in London immer eng beieinander.

Blick vom Tower of London auf die historische Anlage mit The Shard im Hintergrund.

Wir verlassen den Mauerweg und treffen die wichtigsten Bewohnern des Towers, die Raben. Die wohl bekannteste Legende über die Festung besagt, das gesamte Königreich werde untergehen, wenn die Raben den Tower verlassen. Den Entschluss zu bleiben, hat man den Tieren etwas erleichtert, indem ihnen vorsorglich einige Schwungfedern gestutzt wurden.

Rabe im Tower of London auf einer Wiese innerhalb der historischen Festungsanlage.

Es gibt einen Rabenmeister, der sich um die Tiere kümmert. In einer Dokumentation über den Tower sagte der Rabenmeister einmal sinngemäß: „Natürlich wissen wir, dass es nur eine Legende ist, kein vernünftiger Mensch glaubt daran. Sollte doch einmal einer, oder alle entkommen haben wir aber ein paar Tiere auf Vorrat – man kann ja nie wissen…“

Mit diesem kleinen Einblick in die britische Seele kommen wir zum Ende unseres Rundgangs. Am Tower Green vorbei verlassen wir den Tower. Das euphorische „Next station: Tower Hill“ war wohl tatsächlich Absicht. Steig aus und schau dir den Tower of London an. Es lohnt sich.

Tower Green im Tower of London mit historischen Wohnhäusern und Rasenfläche.

Ich schaue mich noch einmal um, ob uns irgendwelche Gespenster folgen oder Raben über uns hinweg den Tower verlassen – man kann ja nie wissen!


Wenn man den Ausgang am Tower Green wählt, steht man direkt an der berühmten Tower Bridge —>


Bildbeiträge entdecken —>

Orte und Themen entdecken —>


Meine Bilder bei Flickr —>

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

1 Kommentar zu „Rundgang durch Geschichte und Legenden – Tower of London“

Nach oben scrollen